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Natasha Lyonne in der Crimedy-Serie „Poker Face“: Bitte nicht bluffen!


Durchschaut alles und jede(n): Natasha Lyonne ist als Charlie Cale in der Serie „Poker Face“ zugleich auf der Flucht vor und auf der Jagd nach Mördern.

Durchschaut alles und jede(n): Natasha Lyonne ist als Charlie Cale in der Serie „Poker Face“ zugleich auf der Flucht vor und auf der Jagd nach Mördern.

© Quelle: Die Verwendung ist nur bei redaktioneller Berichterstattung im Rahmen einer Programmankündigung ab 2 Monate vor der ersten Auss

Eine Frau, die jeden Schwindel durchschaut, gerät auf der Flucht vor einem mafiösen Casinochef in Mordgeschichten. Natasha Lyonne spielt die Hauptrolle in der Crimedy-Serie „Poker Face“. Die geht auf das Konto von „Knives Out“-Regisseur Rian Johnson, ist zugleich unterhaltsam und Vorbotin des Untergangs.

Matthias Halbig

Charlie Cale backt ganz kleine Brötchen. Sie trägt Tabletts mit Drinks zu den Gästen eines Casinos und zwitschert zwischendurch selbst mal einen. Sie lebt in einem schäbigen Trailer und fährt ein schäbiges Auto mit ziemlich müder Batterie. Noch gar nicht lange her, da zockte sie beim Poker die ausgebufftesten Kerle ab. Aus jeder Spielhölle marschierte sie mit einem Bündel Dollars raus. Weil sie Lüge und Bluff erkennen kann – eine Art Simsalabim, Superkraft. Ein verbrecherischer Casinochef unterstellte ihr dann – ohne Beweis –, „schmutzig“ zu spielen, eine Betrügerin zu sein. Statt sie zu töten, stellte er sie ein. Quasi auf Bewährung.

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Dann wird ihre Freundin, die Putzfrau Natalie (Dascha Planco), umgebracht. Weil – wie wir Zuschauer wissen – sie etwas Unsägliches über den wichtigsten Kunden des Casinos in Erfahrung brachte, einen schmierigen „oil guy“ namens Caine. Dass der Sohn des Casinochefs, Sterling Frost Jr. (Adrien Brody), und sein Sicherheitschef Cliff Le Grand (Benjamin Bratt) Natalie versprechen, anderntags das FBI zu informieren, glaubt der seriengeeichte Zuschauer beim Blick in die schurkischen Visagen keine Sekunde.

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Ein Doppelmord an Natalie und ihrem Kerl wird von den Schuften als blutiges Ende eines Beziehungsstreits getarnt. Nur kommt Charlie die Chose verdächtig vor. Und sie spürt nicht nur bei Glücksspielern Unehrlichkeit. Für den Rest der ersten Staffel von „Poker Face“ ist sie dann auf der Flucht vor Cliff, den Väterchen Frost (Ron Perlman) mit Mord beauftragt hat.

Ein bisschen läuft die Sache ab wie bei Kultinspektor Columbo

Und dabei gerät sie in jeder der zehn Episoden in eine Mordgeschichte – mal in Texas, mal in New Mexico. Ein bisschen läuft die Sache wie beim alten Kultcop des linearen Fernsehens, Inspektor Columbo. Eine Viertelstunde in etwa wird vor uns ausgebreitet, wie eine Mordsituation entstand, wie der gewaltsame Todesfall vorbereitet und ausgeführt wurde.

Dann klimpert ein Banjo und Charlie kommt ins Spiel. Und klärt die jeweilige Bluttat durch das Ziehen richtiger Schlüsse auf. Nicht ganz so elegant wie weiland Peter Falk, dafür aber rau und erdverbunden. Die einstündigen Geschichten vom Sieg des Guten gehen auf das Konto von Rian Johnson, der Witz und Kriminelles schon in seinen beiden höchst amüsanten Benoit-Blanc-Filmen „Knives Out“ (2019) und „Glass Onion“ (2022) virtuos zusammenbrachte.

Natasha Lyonnes Charlie hat ein Tina-Turner-Outfit und eine Bourbon-gurgel-Stimme

Mit der gerade 44 Jahre alt gewordenen Natasha Lyonne („Orange Is the New Black“) hat Johnson die perfekte Protagonistin. Ihre Charlie hat eine Tina-Turner-Föhnfrisur aus der „Break Every Rule“-Phase, eine Stimme, als würde sie morgens mit Bourbon gurgeln, und einen selten erlöschenden Frohsinn. Ihr Herz schlägt für Underdogs, Rock ‘n‘ Rollerinnen (Chloe Sevigny) und Althippies (Judith Light aus „Transparent“ und „Chicago Med“-Star S. Epatha Merkerson), aber sie hat auch einen unkorrumpierbaren Sinn für Gerechtigkeit, der sie Leute ans Gesetz überantworten lässt, die ihr eigentlich sympathisch schienen.

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Einmal, als sie dem Maestro des texanischen Steakbrutzelns (Larry Brown) eine DVD des koreanisch-amerikanischen Fantasyfilms „Okja“ ausleiht und der Grillchef sich danach als Mörder fühlt und dem Barbecue abschwört, wird sie selbst zur Verursacherin eines Mordes. Shit happens.

Es gibt auch im Streaming wieder mehr „Abenteuer der Woche“-Serien

„Poker Face“ hat Starauftritte von Ellen Barkin, Tim Blake Nelson und Nick Nolte. Jede Folge ist ein Genuss ohne Reue, zugleich aber auch ein Warnsignal. Die großen, epischen Serien mit einem Handlungsbogen über mehrere Staffeln – Wahrzeichen des Qualitäts-TV, des Goldenen Zeitalters des häuslichen Screens – ,sie scheinen dem „Abenteuer der Woche“-TV alter Zeiten zu weichen.

Nicht nur, dass zahllose Möchtegernserienmacher mit mittelmäßigen bis bodenlosen Storys jahrelang dem Output-Wahnsinn der Streamingdienste folgend unsere Geduld strapazierten. Auch mit richtig grandiosen Sagas wurde das Publikum von den Verantwortlichen zuletzt immer häufiger an der Nase herumgeführt. In der letzten Staffel des Meisterwerks „Game of Thrones“ wurden ausgefeilte Charaktere grob verbogen oder komplett zerbrochen.

Der Zuschauer beginnt, den Serien mit großem Erzählbogen zu misstrauen

Und zuletzt endete die fantastische Sci-Fi-KI-Serie „Westworld“ im Nirgendwo. Mit Ridley Scotts mittendrin abgebrochener Weltraumsaga „Raised by Wolves“ wurde das Publikum ebenso in der Luft hängen gelassen wie Hauptdarsteller Travis Fimmel in der letzten Szene der letzten Staffel. Hätten wir gern gewusst, wie das Politdrama „Designated Survivor“ ausgeht? Ja. Wie sich die Mysterien der Mysteryserie „1899″ auflösen? Ja.

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Wir werden stattdessen an einen Punkt gebracht, wo wir dem epischen Erzählen, dem größten Plus des Fernsehens, misstrauen. Wieso noch zehn, 20, 30 Stunden an etwas überragend Tolles verschwenden, dessen Ausgang uns aus nicht nachvollziehbaren Gründen vorenthalten wird?

Das Stream-Team

VIDEO: Poker Face (Peacock) Trailer HD - Natasha Lyonne series
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Zu Werbung (Wow) und „Einer Folge pro Woche“-Modus statt Binge-Paket kommt jetzt also auch noch die Rückkehr des Episodischen. Gewiss – einstweilen macht das mit Qualitätsserien wie „Star Trek: Strange New Worlds“ oder eben „Poker Face“ Spaß. Aber auch in diesem Format wird irgendwann das Mittelmaß vorherrschen. Dann sind wir wieder da, wo wir nie mehr hinwollten: bei Unterhaltung von der Stange – à la „Daktari“ und „Derrick“.

Die „Serienmörder“ müssen aufgehalten werden. Ein Fall für Charlie Cale. Wir hören schon das Banjo plinkern.

„Poker Face“, erste Staffel, zehn Episoden, mit Natasha Lyonne, Benjamin Bratt, Adrien Brody, Chloe Sevigny, S. Epatha Merkerson, Ellen Barkin, Tim Blake Nelson (ab 24. April bei Wow)

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Author: Jessica Cross

Last Updated: 1703306042

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